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Wie gewinnt man gutes Schilfrohr?

Es kursieren unter Musikern zahlreiche Geschichten und Mythen über Schilfrohr oder „Arundo donax“, das man für die Herstellung von Klarinetten- und Saxophonblättern verwendet (wie auch für Doppelrohrblätter). Es gibt nahezu keine Literatur und es wurde nur restriktive, allgemeine Forschungsarbeit über Schilfrohr geleistet. Daher ist es schwer, sich Informationen zu beschaffen. Wir möchten einige der weit verbreiteten Annahmen und irrigen Meinungen über Schilfrohr näher untersuchen:

Mythos  1 – “Schilfrohr ist das gleiche wie Bambus.” Auch wenn dies für manche Menschen offensichtlich scheint, so sind Schilfrohr und Bambus nicht identisch und können nicht gegeneinander ausgetauscht werden. Schilfrohr ähnelt dem Bambusrohr und beide gehören zur Familie der Gräser. Aber „Arundo donax“ wird einer anderen biologischen Untergruppierung zugeordnet als Bambus. Bambus ist sehr viel härter als Schilfrohr und bietet nicht die gleichen Schwingungseigenschaften. Man kann also keine Blätter für Klarinette oder Saxophon aus Bambus machen.

Mythos 2 – “Grünes Schilfrohr hat nicht ausreichend lange gereift.” Auch dies ist oft Grund für Missverständnisse. Grünes Schilfrohr entsteht nur durch einen Umstand: ungenügende Sonneneinstrahlung. Das Schilfrohr wird in den Sommermonaten in die Sonne gelegt. In Frankreich beginnt dies im Mai und geht bis Ende Juli. Das Sonnen oder Bleichen des Schilfrohrs beginnt, nachdem es im Winter geerntet und im Frühjahr geschält wurde. Das eigentliche Bleichen dauert etwa 12  bis 15 Tage auf einer Seite und weitere 7 bis 10 Tage auf der anderen Seite, um das dann noch verbliebene grüne Chlorophyll aus der Rinde zu entfernen. „Grünes“ Schilfrohr wurde entweder nicht ordentlich gewendet beim Sonnen, zu früh gebleicht oder nicht ausreichend der Sonne ausgesetzt. Die grüne Farbe hat in jedem Fall nichts mit dem Alter zu tun.

Mythos 3 – “Geflecktes Schilfrohr ist besser.” Dieser Mythos lässt sich mit am schwersten aus der Welt schaffen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ungefähr 50 Prozent aller Musiker genau das Gegenteil glaubt: „Goldgelbes Schilfrohr ohne Flecken ist besser.“ Tatsache ist, dass es gutes und schlechtes Rohr gibt. Die Ursachen hierfür haben nichts mit den Flecken zu tun. Die Flecken entstehen durch einen natürlich vorkommenden Pilz, der in bestimmten Zonen während des Wachstumszyklus der Pflanzen auftritt. In jedem Fall hat die Qualität des Rohres viel mehr mit der richtigen Dichte und Zellstruktur zu tun, als damit ob es Flecken hat oder nicht. Ein Rohr, das ordentlich geschnitten, gereift, getrocknet und gesonnt wurde, wird eine höhere Qualität erzielen. Wenn Sie die Blätter nach den Flecken darauf sortieren, werden Sie sich nur besser fühlen, aber Sie werden deshalb nicht besser spielen.

Mythos 4 – “Unser Schilfrohr ist frei von Pestiziden.” Tatsache ist: alles Schilfrohr ist pestizidfrei. Schilfrohr wird im Gegensatz zu vielen Nutzpflanzen wie Mais, Weizen, Soja oder sogar Wein nur in sehr geringem Umfang angepflanzt. Glücklicherweise gibt es keine bekannten Schädlinge und Schilfrohr ist eine sehr robuste und gesunde Pflanze. Daher besteht keine Notwendigkeit zur Verwendung von Pestiziden.

Mythos 5 – „Altes Rohr ist besser.“ Wir haben Experimente mit Schilfrohr gemacht, das vier, fünf, sechs, sieben, ja sogar zehn Jahre alt war. Mit dem Alter wird das Rohr weicher. Daher sind die daraus hergestellten Blätter nicht sehr lange haltbar. Auch wenn sie zu Beginn einen warmen Klang haben, so brechen die Blätter zu schnell ein und sind zunehmend instabil und inkonsistent, wenn sie länger gespielt werden.

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