Die Menschen hinter RICO: eine Familientradition
Jeder Saxophonist und Klarinettist kennt RICO Blätter und die meisten von ihnen haben schon das ein oder andere Mal mit einem RICO Blatt gespielt. Aber was wissen wir über den Ursprung des heute größten Herstellers für Klarinetten- und Saxophonblätter? Alles begann mit Joseph Rico in Frankreich im Jahre 1928…
Joseph Rico (1876-1957) wurde in Italien geboren. Während seiner Schulzeit in einem Internat nahe Neapel zeigte er großes Talent für Musik. Als Jugendlicher rissen er und sein Bruder Libereto eines Nachts aus der Internatsschule aus und schifften sich nach Amerika ein. Sie hatten gehört, dass dort fähige Menschen viele Möglichkeiten hätten. Joseph konnte Mundharmonika, Klavier und Gitarre spielen und sein Bruder spielte Mandoline und Violine. In Chicago und in New York wurden beide bald als gute Musiker bekannt und Joseph Rico begann zu komponieren und dirigieren. Wenig später ging er nach Europa zurück und wurde ein gefragter Komponist in Paris. Seine langsamen Walzer ("Valses lentes") werden noch heute gespielt.
1926 beklagte sich ein Neffe Josephs, Frank De Michele, Klarinettist an den Walt Disney Studios, in einem Brief darüber, wie schwer es sei, gute Klarinettenblätter in Los Angeles zu finden. Joseph Rico fand gute Blätter, die er seinem Neffen zusandte. Aber bereits wenige Wochen später forderte Frank De Michele weitere Blätter an, da sie sehr begehrt waren. Nach einer Reihe weiterer Briefe mit Anforderungen von Blättern und entsprechenden Lieferungen konnte Joseph Ricos Lieferant nicht mehr liefern. Ihm war das Rohmaterial für Klarinetten- und Saxophonblätter, Schilfrohr (lat. Arundo donax) knapp geworden. Doch die Nachfrage in Amerika stieg weiter und so fragte Frank De Michele seinen Onkel Joseph, ob der ihm wenigstens rohes Schilfrohr besorgen könne, um dann eine eigene Produktion von Blättern beginnen zu können. Joseph fand im Department Var in Südfrankreich ausgezeichnetes Schilfrohr. 1928 schickte Joseph Rico die ersten 350 Kilo Schilfrohr nach Amerika.
Zu Ehren seines Onkels bat Frank De Michele darum, RICO als Markennamen für seine erste Blätter-Linie verwenden zu dürfen. Bald danach fand er Partner, einschließlich dem Musiker und Ingenieur Roy J. Maier, mit denen er eine Fabrik zur Blätterherstellung gründete. Der Name des Unternehmens: RICO
Roy J. Maiers Design und Entwicklung des populärsten Blattes der Welt ist eine interessante Geschichte. Sie offenbart ein hohes Interesse an der Technik, an der Musik und an der Blatt-Forschung, das in den zwanziger Jahren mit seinem ersten Auftreten als Saxophonist und Klarinettist beginnt. Bald hatte sich Maier seinen Weg in die großen Bands Amerikas erarbeitet und wurde Mitglied in Paul Whitemans Band, dem Star-Ensemble der zwanziger und dreißiger Jahre. Nach seiner Zeit in Whitemans Band spielte er in zahlreichen Radio- und Studioproduktionen.
Während seiner Karriere war Maier nicht imstande, sein Technikinteresse mit dem Leben als Live-Musiker zu kombinieren. Er fand diese Kombination bei Rico. Sein überlegenes Wissen im Bezug auf Spieltechnik und Blatt-Eigenschaften verhalf seinem kreativen Design und letztendlich der Entwicklung der speziellen Werkzeuge und der Methoden, die in der Produktion von RICO Blättern verwendet wurden.
Natürlich geschah all das nicht über Nacht. Maier machte Tausende von den Tests, um die einzigartige Kombination der Maße für jede Größe und Stärke der Blätter festzustellen. Er erfand die erste Ausrüstung, um das Profil und die Fasson eines Blattes präzise zu messen.
Maiers Vermächtnis im Hinblick auf Präzision und der Sorgfalt im Detail lebt mit den heutigen Rico Blättern weiter, inspiriert durch Generationen namhafter Musiker weltweit.
Seit mehr als 30 Jahren ist heute Josephs Enkel Jean-Franois Rico als Plantagenmanager in Südfrankreich ein wichtiger Teil der Marke RICO.
Wo alles anfängt: Schilfrohr (Arundo donax, ein Riesengras)
Vielleicht überrascht es zu erfahren, dass es normalerweise zwei bis vier Jahre Wachstum erfordert, bevor eine reife Schilfrohrpflanze geerntet werden kann. Während dieser Periode werden ungenügend dicke Schilfrohrstämme von Hand entfernt. Nur einwandfreie Stämme bleiben auf den Feldern, um zu reifen. Die gesamte Schilfrohrernte ist Handarbeit, die während des Winters erfolgt, wenn die Pflanze ruht. Die Ernte dauert ungefähr zwei bis drei Monate und bezieht das Schälen, das Sonnen, das Trocknen, das Sägen und das Lagern mit ein. Klarinettisten und Saxophonisten sind froh zu wissen, dass RICO nicht unter dem Druck steht, sofort aus frisch geernteten Schilfrohrstangen spielbare Blätter produzieren zu müssen. RICO lässt geduldig die Pflanzen reifen und die geernteten Schilfrohrstämme durchtrocknen, um ihre charakteristische goldene Farbe zu erzielen.
Wie aus Riesengras ein Konzertblatt wird
Zuerst werden die Schilfrohrstangen zwischen den Knoten des Stammes geschnitten. Das geschieht bereits auf den Plantagen. Die Rohrstücke werden dann sortiert nach Plantagenfeld eingesackt und an die Fabrik gesendet, wo sie zunächst zu Blattrohlingen weiterverarbeitet werden: Jedes Rohrstück wird sorgfältig auf seinen Durchmesser und symmetrische Wandstärke hin geprüft und gemäß den RICO Spezifikationen klassifiziert und sortiert. Danach werden die Rohrstücke in Viertel aufgespaltet, nachgemessen und entsprechend ihrer metrischen Stärke verpackt. Abschließend werden die Seiten links und rechts, sowie die Unterseite der Stücke gleichzeitig plan geschnitten und geschliffen. Nun sind die Blattrohlinge fertig und sie werden nochmals nach Farbe sortiert. Die Rohlinge werden so geschnitten, dass sie den vorgegebenen Maßen für die Blattspitze, dem Blattherz und den Blattflanken symmetrisch entsprechen. Die Maschinen, die das Profil schneiden, werden genau kalibriert, um entsprechend der Blättermarke Modell, Stärke und Größe herzustellen. Musiker in der Qualitätskontrolle überwachen und justieren (wenn notwendig) die Schneidemaschinen mehrmals täglich. Sie prüfen in Stichproben fertige Blätter von allen Maschinen. Blätter, die nicht den Standards der Qualitätskontrolle entsprechen und/oder nicht spielbar sind, werden aussortiert. Vor der Verpackung der fertigen Blätter in die Schachteln wird jedes einzelne Blatt –Millionen von ihnen – mit moderner Durchleuchtungskontrolle auf mögliche Herstellungsfehler kontrolliert.
Herstellung, Landwirtschaft und Vertrauen auf Mutter Natur
Im letzten Jahrhundert hat die Technologie praktisch jede Facette der menschlichen Existenz verändert. Aber selbst die hoch entwickelte Wissenschaft hat es bisher nicht geschafft, ein Material zu entwickeln, das die einzigartigen musikalischen Eigenschaften des Schilfrohres besitzt. Für Klarinettisten und Saxophonisten weltweit bleibt Schilfrohr ein unverzichtbarer Bestandteil, um Musik zu machen. Für RICO verursacht der kultivierte Anbau von Schilfrohr, oder Arundo donax eine Reihe gewaltiger Herausforderungen, die dieses Geschäft einzigartig machen.
Um eine dauerhafte Versorgung mit Rohholz sicherzustellen, besitzt und unterhält RICO Plantagen in Frankreich und in Argentinien. Um dieses unkonventionelle Geschäft betreiben zu können, muss RICO auf Frost, Dürre, Fluten und andere Probleme, die den Ertrag beeinflussen können, vorbereitet sein. Eine Tatsache, die man sich immer wieder vor Augen halten muss ist, dass Schilfrohr den gleichen Boden und das gleiche Klima benötigt wie Wein.
Die RICO Produktion bezieht eine Reihe automatisierter Maschinen mit ein, die aus einem unbeständigen Rohstoff ein sehr beständiges Produkt schneiden können. RICO produziert unterschiedliche Marken: RESERVE, RICO, LA VOZ, RICO ROYAL, PLASTICOVER, FREDERICK L. HEMKE, MITCHELL LURIE, RICO SELECT JAZZ und GRAND CONCERT SELECT. Alle Blättermarken werden in Zusammenarbeit mit weltweit namhaften Holzbläsern hergestellt.
Mit der Zeit gehen
Die Maschinen in der RICO Produktion sind computergesteuert und werden ständig durch Fachleute überwacht. Die Geschichte der Firma enthält eine eindrucksvolle Anzahl von bedeutenden Industrieerfindungen. In den dreißiger Jahren war RICO der erste Hersteller, der Blätter in genormten Stärken anbot. 1940 führte RICO das erste mit Kunststoff überzogene Blatt – Plasticover – ein, das einzigartige Tonqualitäten und eine lange Spielbarkeit besitzt. Weitere RICO Innovationen waren der Nova Pak, die Graftonite Mundstücke und das neue Reed Vitalizer™ 2-Wege-Luftfeuchtigkeit-Kontroll-System.
Bis in die späten siebziger Jahre stellte RICO seine Blätter fast ausschließlich aus wildem, wie auch kultiviertem Schilfrohr aus der Region Var in Südfrankreich her. Jedoch während die Region sich in zunehmendem Maße entwickelte und die Bauern ihr Land für den kommerziellen Gebrauch verkauften, fing die Versorgung von Arundo donax an zu schwinden. Es war ein zukünftiger Mangel an Rohstoffen zu fürchten und so investierte RICO in seinen eigenen Plantagen. Es wurden ernsthafte Bemühungen unternommen, Schilfrohrplantagen strategisch in allen Bereichen der Welt anzulegen, um mögliche Schäden durch Naturereignisse zu minimieren. Zum Beispiel vernichtete strenger Frost in Frankreich in den frühen achtziger Jahren nahezu eine komplette Ernte. RICO führte ein Agronomieprogramm ein und hat die größten und robustesten Schilfrohrplantagen weltweit.
Agronomen an der Arbeit
Während die RICO Plantagen ursprünglich als eine Art Versicherungspolice gegen Engpässe in der Versorgung mit Rohmaterial geplant waren, sind sie mittlerweile zu einem der größten Werte der Firma geworden. RICO war eine der ersten Firmen, die überall Arundo donax kommerziell anbaute und entwickelte folglich viele Techniken und eine eigene Wissenschaft im Schilfrohranbau. Durch eine besondere Bewässerung und die Anwendung spezieller Nährstoffe im Boden hat RICO erlernt, wie man das beste Schilfrohr produziert.
Durch seine Forschungen hofft RICO, die tatsächlichen Notwendigkeiten des Schilfrohrs auf einem hohen agrarwirtschaftlichen Niveau zu verstehen, anstatt nur grundlegendes Basiswissen anzuwenden. RICO stellte fest, dass der Blattschnitt nur ein Bruchteil dessen ist, was ein Qualitätsblatt auszeichnet und engagiert sich beträchtlich für die Qualität, die Beständigkeit und die Zuverlässigkeit seiner Rohstoffquellen.
Wachstum für die Zukunft
Von den bescheidenen Anfängen hat RICO zu einem Führer in der Herstellung des einzelnen Blattes entwickelt. Mit dem Erwerb von RICO durch die Firma D'Addario & Co. konnte RICO seine Position als Marktführer in der Produktion von Blättern für Holzblasinstrumente und Zubehör weiter ausbauen.
Am Standort in San Fernando Valley hat RICO ein hochmodernes Forschungszentrum und wendet die Zusammenarbeit von Agronomen, Wissenschaftlern und Musikern an, um hochwertige Blätter einschließlich der RESERVE Linie für Klarinette und Saxophon zu produzieren. RICO Blätter sind entworfen, um Musiker jeden Niveaus – vom Anfänger bis zum Profi – zufrieden zu stellen. Viele der bekanntesten Klarinettisten und Saxophonisten der Welt wie Jessica Phillips, Jerry Bergonzi, Chris Potter, Benny Golson, Ernie Watts, Bob Sheppard, Seiji Yokokawa, Philippe Geiss, Diastema Saxophone Quartet und viele mehr spielen RICO Markenblätter.










